Eine Veranstaltung des Akademischen Arbeitskreises Japan und des Instituts für Ostasienwissenschaften/Japanologie
Ort: Institut für Ostasienwissenschaften/Japanologie, Seminarraum 1
AAKH-Campus, Universität Wien, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien
Gefördert von der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien;
Wissenschafts- und Forschungsförderung, MA 7 – Kultur, Stadt Wien; Österreichischen Forschungsgemeinschaft
Erfolgsgeschichte oder gar Filmwunder? – Zur gegenwärtigen Situation des Kinos in Österreich und Japan
Roland DOMENIG
Die Auszeichnung mit dem Auslands-Oscar für die österreichisch-(deutsch)e Produktion Die Fälscher von Stefan Ruzowitzky und die japanische Produktion Okuribito von Takita Yôjirô in den vergangenen beiden Jahren haben die internationale Aufmerksamkeit auf die Filmländer Österreich und Japan gelenkt. Der Erfolg österreichischer Filme bei internationalen Filmfestivals – zuletzt Goldene Palme für Hanekes Das weiße Band und Auszeichnungen für die Schauspieler Birgit Minichmayr und Christoph Waltz in Berlin und Cannes – verleitet in- und ausländische Journalisten zunehmend dazu, von einem „österreichischen Filmwunder“ zu sprechen. Die japanische Filmwirtschaft hingegen verzeichnete im vergangenen Jahr mit 115 Mrd. Yen die höchsten Umsätze ihrer Geschichte. Der Anteil heimischer Produktionen war mit 59,9% so hoch wie zuletzt 1970, und sieben der zehn umsatzstärksten Filme waren japanische Produktionen, wobei Miyazaki Hayaos Gake no ue no Ponyo mehr einspielte als die drei erfolgreichsten ausländischen Produktionen zusammengenommen. Doch lässt sich aus diesen Erfolgen des österreichischen und japanischen Kinos tatsächlich ableiten, dass es den beiden Filmnationen so gut geht wie es scheint? Wie erklärt sich, dass in beiden Ländern immer wieder die Klage von „Krise“ und „Niedergang“ angestimmt wird? Der Vortrag nimmt die Situation des österreichischen und japanischen Kinos kritisch in Augenschein und geht auf die Stärken und Schwächen der so unterschiedlichen Filmländer ein.
Theater ohne Kompromisse? – „Freie“ Theaterarbeit in Wien seit 2003
Genia EINZELBERGER
"Freie" Theaterarbeit in Wien unterscheidet sich auf vielfache Weise von der Arbeitsweise in institutionellen Spielstätten (z.B. Bundestheater). Zuerst einmal hinsichtlich der strukturellen Organisation und der Produktionsweisen, weiters in den Subventionsmöglichkeiten bis hin zu den ästhetischen Fragestellungen und nicht zuletzt in der Frage der Vermittlung und in der medialen Wahrnehmung. 2003 erschien die Studie „Freies Theater in Wien“, die die „Wiener Theaterreform“ einleiten sollte, die wiederum als Vorgabe zur Neustrukturierung der hiesigen Theaterlandschaft dienen soll. Einer der wichtigsten Punkte dieser Studie war die Ablöse der hierarchisch strukturierten Förderungen (Großbühnen, Mittelbühnen, Kleinbühnen und Freie Gruppen) zugunsten von Projektförderungen bzw. konzeptbezogenen Theaterförderungen. Ziel ist es, auf diese Weise Gruppen und Mittelbühnen zugunsten einer künstlerischen Effizienz finanziell zu kräftigen. In wieweit bzw. ob dieses Vorhaben bereits geglückt ist und inwieweit sich diese neuen Förderungsstrukturen auf das künstlerische Schaffen in der „freien“ Wiener Theaterlandschaft auswirken, ist Inhalt dieses Vortrages.
Alt sein in Tôkyô und Wien 2009: Traditionelle Muster und neue Perspektiven
Susanne FORMANEK
Sowohl Japan als auch Österreich zählen heute mit einem Anteil der über 65-Jährigen von über 15% der Gesamtbevölkerung zu den so genannten gealterten Gesellschaften. Beide Länder sehen sich entsprechend mit ähnlichen Problemen in Bezug auf die Finanzierung ihrer Pensionssysteme sowie die Bereitstellung einer adäquaten Pflegeversorgung des ebenso wachsenden Anteils der „alten Alten“ konfrontiert. Vor dem Hintergrund einer Darstellung der jeweiligen nationalen Lösungsansätze soll darauf eingegangen werden, wie alt sein sich gegenwärtig im Speziellen in den Hauptstädten der beiden Länder gestaltet. Während Wien bereits seit vielen Jahrzehnten eine Stadt der Senioren und Pensionisten war, hatte Tôkyô bis vor kurzem das Image einer jungen Metropole mit vielen jugendlichen Zuwanderern. Doch während in Wien die traditionellen Verhaltensmuster alter Menschen, die das städtische Leben zum Teil entscheidend mitgeprägt haben, durch neue Altersbilder verändert werden, stellen umgekehrt in Tôkyô die Mitglieder der Nachkriegs-Babyboomer-Generation (dankai no sedai), die seit 2006 in großer Zahl das Pensionsalter erreichen, neue Anforderungen an städtische Infrastruktur und kommerzielles Angebot. Welche Trends zeichnen sich, auch im Zusammenhang mit neuen Technologien wie mobile Telefonie und Internet, in Bezug darauf ab, was alt sein in der Stadt bedeutet und wie die alten Menschen die Städte, in denen sie leben, verändern?
Die gegenwärtige Lage des traditionellen Theaters und seine zukünftigen Aufgaben am Beispiel des Kabuki
HARA Michio
Das Kabuki-Theater setzte in den letzten Jahren seinen Siegeszug fort. Als ersten Grund dafür kann man seine wirtschaftliche Basis anführen, die auf hervorragenden Erfolgen der Aufführungen beruht. Dazu trägt die Unternehmermentalität der Firma Shochiku, die Hinwendung vieler junger Menschen zu den Klassikern und eine positive Haltung verschiedener Medien bei. Zweitens möchte ich die gegenwärtige vollendete Schauspielkunst der Schlüsselschauspieler des Kabuki betonen sowie die Tatsache, dass eine breite Schicht hervorragender junger und alter Schauspieler vorhanden ist. Drittens gilt es zu beachten, dass etliche ständig selbst reflektierende Schauspieler ein neues Kabuki hervorbringen wollen und bereits eine Reihe von Erfolgen mit einem geplanten Wandel hatten. Aber hinter diesen Erfolgen gibt es auch viele schwierige Probleme. In meinem Vortrag möchte ich diese beiden Seiten des gegenwärtigen Kabuki aufzeigen.
Tôkyôs historische Kernzone Asakusa im Umbruch
ITODA Sôichirô
Yasuo Tanakas Roman Kristall Kids (1981) schildert die Szene in den wichtigsten Mode- und Jugendbrennpunkten Tôkyôs im Gefolge des japanischen Wirtschaftswunders. Anhand dieses Romans sollen Fragestellungen im Stadtteil Asakusa aufgezeigt und Ansätze vorgestellt werden, die zu einer Hebung der Attraktivität dieses in Vergessenheit geratenen, ehemaligen Pilger- und Theaterzentrums beitragen können. Am Ufer des Sumida-Flusses, in direkter Nachbarschaft von Asakusa, wird derzeit der höchste Fernsehturm der Welt, der Tôkyô Sky-Tree, mit einer Höhe von über 600 Metern errichtet. Als Gründungsmitglied und Vertreter der Internationalen Asakusa-Forschungsgruppe (ein Kooperationsprojekt zwischen der Meiji-Universität und der Stadtverwaltung von Tôkyô, Taito) werde ich einen Überblick über künftige Entwicklungsmöglichkeiten und bereits in Angriff genommene Projekte geben, die in naher Zukunft die Präsenz dieses historisch bedeutsamen Tôkyôter Stadtteils in vielerlei Hinsicht positiv beeinflussen werden.
Freizeit im Tôkyô und Wien der Gegenwart
Sepp LINHART
Football in the City: Zu den Auswirkungen der Sportmegaevents auf Tôkyô und Wien
Wolfram MANZENREITER
Etwa seit den 1990er Jahren ist der Fußball zu einer Art Leitkultur der Globalisierung geworden. Internationale Migranten aus der Peripherie der Weltwirtschaft verkaufen ihr Talent und ihren Körper an den Meistbietenden in den Zentren; das Fernsehen verfolgt die Entwicklung in nationalen und internationalen Ligen und überträgt diese in die entferntesten Winkel der Welt. Eine gigantische Industrie hat sich um das Spiel mit der Kugel aufgebaut. Gleichzeitig verkörpert das Spektakel um den modernen Fußball eine weitverbreitete Sehnsucht nach Authentizität, nach Unmittelbarkeit, Gemeinschaftserfahrung und heimatlicher Verwurzelung. Am deutlichsten manifestieren sich diese Kontraste in den alle vier Jahre stattfindenden Turnieren des Weltverbands FIFA und des europäischen Fußballverbands UEFA, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts von Japan und Österreich ausgerichtet wurden. Mein Vortrag reflektiert über die Bedeutung dieser beiden Sportgroßveranstaltungen für die gegenwärtige Entwicklung in den beiden Ländern und ihren Hauptstädten Tôkyô und Wien.
Verständnis, Praxis und Wahrnehmung von Gegenwartsdruckgrafik in Tôkyô und Wien
Michael SCHNEIDER
Tôkyô und Wien blicken auf eine reiche Tradition in der Druckgrafik zurück. Eine Tradition die, oft auch unbemerkt, Eingang in die gegenwärtige Kunstproduktion und auch Populärkultur gefunden hat. Ukiyo-e sind zu einem Teil des japanischen Selbstverständnisses geworden; der österreichische Nationalstolz bezieht auch die Wiener Albertina als weltgrößte Grafiksammlung mit ein. Welche Zugänge und theoretische Grundlagen druckgrafisch tätige KünstlerInnen heute in den beiden Städten entwickelt haben und wie diese sich in der künstlerischen Praxis darstellen, sind Fragen, die einem besseren Verständnis der Druckgrafik vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund dienen, aber auch die Einbettung der KünstlerInnen in einen internationalen Dialog zeigen. Der Vergleich der öffentlichen Wahrnehmung der Druckgrafik in den beiden Metropolen zeigt, wie sehr und wie schnell die diesbezügliche Entwicklung divergieren kann. Der Bogen spannt sich hier von Wertschätzung bis Ablehnung, und ein Blick auf bestimmende Parameter der Entwicklung der letzten 50 Jahre soll einen besseren Einblick bieten. Die Erörterung der aufgeworfenen Fragen wird anhand zahlreicher Bildbeispiele versucht.
Der Wienerwald und Tôkyô als „Stadt ohne Wald“ in den 1990er Jahren – Kann man eine Beziehung zwischen Alltag oder Freizeit und Umweltrechtsgeschichte herstellen?
SEINO Kikuno
Für viele bedeutet der Wienerwald die „grüne Lunge“ Wiens. Wien liegt zentral inmitten des Wienerwalds. In den 1990er Jahren dagegen erschien Tôkyô eher als graue „Stadt ohne Wald“. Wie lassen sich diese krassen Unterschiede erklären? Auf welche Weise könnte den Bewohnern in der japanischen Hauptstadt mehr „grüne Lebensqualität“ vermittelt und eine schönere Zukunft garantiert werden? Ich versuche diese Fragen in einem weiteren Sinne vermittels der Umweltrechtsgeschichte beider Städte komparatistisch zu erfassen. Ende des 19. Jahrhunderts bestand in Mitteleuropa durch Arbeitszeitverkürzung und Urlaubsregelungen in Tarifverträgen die Möglichkeit, in gewissem Umfange die Erholungsbedürfnisse weiter Bevölkerungskreise in der Natur zu befriedigen. Ich werde besonders über den 1895 in Wien gegründeten Touristenverein "Die Naturfreunde" sprechen. Mein Ansatz richtet sich nicht darauf, Analogien zu aktuellen Umweltproblemen in der Vergangenheit aufzudecken, vielmehr möchte ich einen Beitrag zur geistigen, kulturellen und politischen Standortbestimmung heutiger Umweltpolitik leisten.
Der Habsburgermythos muss in Japan ein Mythos bleiben – Zur Rezeptionsgeschichte des Wiener Musicals Elisabeth in Japan
SEKINE Yuko
Das Musical Elisabeth (Libretto: Michael Kunze, Musik: Sylvester Levay), in dem das Leben der Kaiserin Elisabeth von Österreich dargestellt ist, wurde von 1992 bis 2005 im Theater an der Wien etwa 1800 Mal aufgeführt. Dieses Wiener Hit-Musical wird seit 1996 in Japan von der Takarazuka Kagekidan und der Toho-Musicalgruppe aufgeführt. Vor allem die japanische Takarazuka Version ist relativ beliebt und wird von den Takarazuka-Fans hoch geschätzt. Doch werden in dieser japanischen Version einige wesentliche Charakteristika dieses Stückes, z.B. die Kritik am Habsburger Mythos oder an der Verkitschung Elisabeths, der wesentliche Charakter des „Todes“ als eine verkörperte Allegorie, die auf der Tradition des europäischen Allegorientheaters beruht, sowie die gesellschaftliche Situation und Zeitströmungen im Wien der Jahrhundertwende, wie den Antisemitismus oder das Kaffeehaus als Zufluchtort in einer apokalyptischen Zeit, ignoriert oder nicht ausreichend dargestellt. Vor allem wird die Rolle des Todes, die in der japanischen Takarazuka-Version als Hosenrolle gespielt wird, ganz anders aufgefasst als in der Wiener Version. Ich denke, dieser Mangel an kritischer Haltung in der japanischen Version kommt nicht nur aus der geringeren Kenntnis der Geschichte und des Mythos der Habsburger, sondern auch aus dem kulturindustriellen Grunde, dass ein Takarazuka-Musical für die Fans immer eine Traumwelt sein soll. Von diesem Standpunkt aus möchte ich in meinem Vortrag folgende Punkte erörten: Dokumentation der Aufführung des Musicals Elisabeth in Japan, die Rezeptionsgeschichte des Habsburgermythos in Japan, die Takarazuka-Musicals Utakata no no koi (Meyerling) und Berusaiyu no bara (Die Rose von Versailles) zum Habsburgermythos, die Merkmale der japanischen Inszenierung des Musicals Elisabeth sowie warum in Japan der Habsburgermythos ein Mythos bleiben muss.
Der Taugenichts als Revolutionär des 21. Jahrhunderts? Zur Diskussion über die NEET-Literatur
SOMIYA Tomoko
Als NEET (Not in Employment, Education or Training) bezeichnet man in Japan junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren, die keinen festen Arbeitsplatz haben und sich weder in einer Aus- noch in einer Weiterbildung befinden. Seit 2004 wird das Problem der NEETs in Japan heftig diskutiert, und die Regierung hat verschiedene Maßnahmen eingeleitet. In Romanen junger japanischer SchriftstellerInnen tauchen in letzter Zeit NEETs als Protagonisten auf. Zu der „NEET-Literatur“, wie sie inzwischen genannt wird, gehören auch Werke von AutorInnen, die mit dem bedeutendsten japanischen Literaturpreis, dem Akutagawa-Preis, ausgezeichnet wurden. In Literaturfachzeitschriften wie Eureka oder Daikokai wurde sie im Jahr 2006 intensiv behandelt. Doch schon lange vor der NEET-Diskussion haben NEET-artige Menschen in allen Zeitaltern und auf der ganzen Welt existiert, und viele literarische Werke haben solche Menschen geschildert. Ein Beispiel ist etwa Aus dem Leben eines Taugenichts von Eichendorff. Auch in den Werken junger österreichischer Autoren kommen viele NEET-artige HeldInnen vor. Sie leben nämlich als Arbeitslose oder als „Loser“ in der gegenwärtigen Gesellschaft. Warum werden die NEETs jetzt wieder, am Anfang des 21. Jahrhunderts, in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt? In meinem Vortrag greife ich verschiedene NEET-Romane von jungen japanischen wie österreichischen SchriftstellerInnen (Itoyama Akiko, Thomas Glavinic usw.) auf und möchte anhand der literarischen Darstellung der NEETs ihre Probleme bzw. das Lebensgefühl der Jugend um 2000 erörtern.
Über Marlene Streeruwitz’ Roman Kreuzungen
TSUNEKAWA Takao
Der 2008 erschienene Roman Kreuzungen von Marlene Streeruwitz hebt sich von anderen Romanen dieser Autorin ab: während diese eine Frau zur Heldin haben, ist die Hauptfigur dieses Romans männlich. Dazu noch geht es in diesen Roman um das Geld. Die Probleme, die der Roman umspielt, lauten: Wie funktioniert das Geld in der gegenwärtigen Gesellschaft, ob Geld einen Menschen, der wie der Held hundertfacher Millionär ist, allmächtig macht, ob das Geld ihn von den Mitmenschen trennt oder mit ihnen verbindet. Die feministische Perspektive, die die Autorin in ihren anderen Werken vertritt, wird in einer neuen Konstellation dargestellt. Zu besprechen sind außerdem die Erzählstruktur und stilistische Eigenheiten des Werkes.