"Freie Liebe" – Diskurse der Liebe bei intellektuellen Frauen in Wien und Tokyo um die Jahrhundertwende


Um die Jahrhundertwende war in Österreich und in Japan die "freie Liebe" besonders unter intellektuellen Frauen ein emotional diskutiertes Thema. Der Begriff hatte jedoch in den beiden Ländern jeweils eine unterschiedliche Bedeutung. Die Österreicherinnen wollten sexuelle Freiheit. Den Japanerinnen ging es demgegenüber darum, ihren Ehemann frei wählen zu können.

Eriko Hirosawa:
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In Japan hat man diesen Begriff der "freien Liebe" etwas anders verstanden, und zwar als freie Liebeswahl, oder Liebesehe, im Gegensatz zur Zwangsehe. Manche Frauen wurden damals von Verwandten oder von der Eltern zu einem bestimmten Partner gezwungen, und mussten diesen ohne emotionelle Basis heiraten. Sie hatten eine Abneigung gegen die Zwangsehe. Man wollte bei der Partnerwahl mehr Freiheit zulassen.

Menschenrechte, Feminismus – Neue Ideen aus dem Westen


Nach der Öffnung des Landes noch außen wurden in der Meiji-Zeit viele neue Ideen aus dem Westen importiert. Unter diesen war auch die Idee der Menschenrechte. In Japan gab es bereits ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts feministische Ansätze im intellektuellen Diskurs. Politisch aktiv wurde der Feminismus erst ab dem frühen 20. Jahrhundert. Männliche Intellektuelle begannen, sich für eine Verbesserung der Stellung der Frauen einzusetzen. Auch mehrere Frauen wurden in feministischen Bewegungen aktiv.

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Unter dem Einfluss der Idee des Menschenrechts haben die männlichen Intellektuellen angefangen, über die Gleichberechtigung der Geschlechter nachzudenken und diese Gleichberechtigung in der Politik, der Wirtschaft oder im Alltag überhaupt zu realisieren. Ein Mann, ein Politiker, initiierte diesbezüglich eine Aktion: er forderte, die Frauen müssten auch das Wahlrecht haben und dies wurde in seinem Bezirk und seiner Heimatstadt teilweise realisiert. Aber die japanischen Frauen hatten damals noch keine hohe Bildung, und erst etwas später, nach dem Beginn der Meiji-Ära, als viele Mädchen- oder Frauen-Schulen gegründet worden sind, gab es immer mehr Frauen, die sich intellektuell durchsetzten, schrieben, veröffentlichten und sich an einer politischen Aktion beteiligten.

Nicht unmoralisch – Freie Liebe in Japan


Im Zuge dieser feministischen Bemühungen gewann der Begriff der "freien Liebe", der Liebesheirat, an Bedeutung. Dieser Begriff war in Japan nicht negativ besetzt, wie das in Europa der Fall war, wo freie Liebe mit Unkeuscheit und Unmoral gleichgesetzt wurde. In Japan schränkten die Sittlichkeitsvorstellungen Frauen stark ein. Es wäre unerhört für eine Frau gewesen, ihren Partner freiwillig zu wechseln. Die Idee eines freien Partnerwechsels wäre allzu skandalös gewesen. Aber es gab in der Diskussion um "freie Liebe" Bemühungen, eine neue Moral zu schaffen. Das heißt, einige waren der Meinung, dass man die Ehe auch beenden sollte, wenn die Liebe vorbei ist. Für sich selbst versteht Eriko Hirosawa den Begriff der "freien Liebe" folgendermaßen:

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Es ist sehr schwierig den Begriff "Liebe" zu definieren. Es gibt unheimlich viele Vorstellungen und genau so viele Definitionen und Vorstellungen über die "Freiheit". Das heißt, je nachdem was man unter Freiheit versteht, verhält man sich auch anders. Meiner Meinung nach gibt es keine Freiheit. Im Grunde gibt es keine Freiheit, die Frage ist, wie man in einer unfreien Situation lebt. Deswegen ist "freie Liebe" für mich nur ein Begriff, der je nach Epoche oder je nach Kontext unterschiedlich ist. Ich persönlich lebe ein total unfreies Leben. Ich muss immer genau überlegen, bevor ich eine Beziehung anfange. Und das ist wahrscheinlich die Bedingung, unter der ich lebe und liebe. Aber trotzdem fühle ich mich frei, weil ich diese Bedingungen akzeptiere, weil ich bereit bin, damit zu leben. Ich bin also frei, aber gleichzeitig unfrei, oder umgekehrt.


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