Wien und Tokyo der Jahrhundertwende – Zwei Welten, ein Alltag
Zwei Städte, die nicht viel von einander wussten, sehen sich nach dem Sprung ins 20. Jahrhundert mit den gleichen sozialen
Herausforderungen konfrontiert. Armut und der alltägliche Kampf ums Überleben bestimmen das Schicksal vieler Menschen in zwei
wachsenden Metropolen.
Max Winter und Iwagoro Matsubara
Die beiden Sozialreporter dieser Zeit haben sich nie kennengelernt, haben aber beide in den Armenvierteln Wiens und Tokyos die
sozialen Zustände am eigenen Leib erfahren. Max Winter und Iwagoro Matsubara haben freiwillig mit Menschen gelebt, für die Armut
zum Alltag gehörte, und ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Aus diesen Beobachtungen gingen zwei Werke hervor – Im dunkelsten Wien
und Im dunkelsten Tokyo, deren Titel rein zufällig fast ident sind.
Leben als Überlebenskampf
Vor allem das Essen und die tägliche Beschaffung der Nahrung stellen für Matsubara, aber auch für Winter, einen interessanten Teil
ihrer Studien dar. Winter stattet sich mit billiger Wurst aus, um sie zu verteilen und den Menschen näher zu kommen, Matsubara
handelt mit Abfallresten und übriggebliebenem Reis.
Sepp Linhart:
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Er beschreibt sehr anschaulich, wie zum Beispiel einzelne Unternehmer wieder Geschäft damit machen, dass sie Essensabfälle von
Kasernen kaufen und diese Abfälle dann zu billigem Geld weiterverkaufen an die Allerärmsten. Er selbst hat bei diesem Unternehmer
gearbeitet und musste den Reis und die Lebensmittel, die in der Kaserne übergeblieben waren in Kübeln in dieses Geschäft bringen.
Wenn es an einem Tag keine Essensreste gab, kam das für die Armen einer kleinen Katastrophe gleich.
Auch wie und wo Menschen wohnten und arbeiteten, brachten beide in Erfahrung, verließen schließlich aber die "Stätten menschlichen
Jammers", wie Winter sie zu nennen pflegte.
Sepp Linhart:
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Die Unterkunft ist auch ein Thema, das bei beiden vorkommt – wo sie einen Schlafplatz für die Nacht finden, ob sie im Freien
schlafen müssen oder ob sie sonst irgendwo unterkommen. Bei Winter wird immer sehr anschaulich geschildert, wie die Armen irgendwo
Unterschlupf finden und dabei ständig unter der Angst leben, dass sie von der Polizei entdeckt werden und aus ihrem Quartier wieder
vertrieben werden.
Winters und Matsubaras Reportagen sind lebensnahe Zeitzeugenberichte, die uns an einem Elend teilhaben lassen, das ganz und gar
nicht in die Vorstellungen eines glänzenden Fin de Siècle passt.
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