Die Revolution der Geburt – Wiener Geburtshilfe in Japan
Die Wiener Schule der Geburtshilfe stand mit weiten Teilen Europas im engen Austausch und kam über den Umweg der deutschen Medizin
bis nach Japan. Das Gebären blieb dort nicht mehr den älteren, erfahrenen Frauen im Dorf und den Stadtvierteln überlassen. Der Staat
nahm sich der Geburtshilfe an, und sie wurde – nach europäischem Vorbild – zu einer medizinisch-polizeylichen (sic!) Angelegenheit.
Im Jahre 1899 bekam diese Änderung im Rahmen der so genannten Vorschriften für Hebammen, den sanba kisoku, eine rechtliche Grundlage.
Fujita Shinichi nennt dies die "Revolution der Geburt".
Brigitte Steger:
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Revolution der Geburt heißt, dass die Geburt und die Geburtshilfe von einer lebensalltäglichen Angelegenheit zu einer medizinischen
Angelegenheit geworden ist. Das heißt nicht, dass es sich tatsächlich verbessert oder verschlechtert hat, sondern es ist ein sehr
entscheidender Paradigmenwechsel aufgetreten. Die Hebammen und die Polizei haben dabei eine sehr große Rolle gespielt
.
Das Wiener Gebärhaus
Die Geschichte des Wiener Gebärhauses steht im engen Zusammenhang mit der des Findelhauses in der Alserstrasse. Beide wurden – wie
das AKH – 1784 von Josef II ins Leben gerufen, und waren Bestandteil einer umfassenden Neuorganisation des Wiener und
österreichischen Gesundheitswesens. Das Hygiene- oder Sanitätswesen war ein Teil der polizeilichen Verwaltung aller Lebensbereiche.
Im Wiener Gebärhaus wurde unverheirateten Frauen die Möglichkeit geboten, ihre Kinder anonym auf die Welt zu bringen und dann im
Findelhaus abzugeben. Im Austausch dafür mussten sie sich für ärztliche Forschung und Weiterbildung zur Verfügung stellen. Es waren
insgesamt mehrere 100.000 Frauen und ihre Neugeborenen, die so zum guten Ruf der geburtshilflichen Wiener Schule beitrugen – auch
wenn viele die Behandlung nicht überlebten. Zu der Zeit, als die westliche Geburtshilfe in Japan begann Fuß zu fassen, begaben sich
jährlich etwa 8000 Frauen ins Gebärhaus.
Brigitte Steger:
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Ein wichtiges Merkmal dieser Wiener Geburtshilfe war, dass sie in einem Verwaltungssystem eingegliedert war, das medizinische
Polizey genannt wurde. Die ganze Verwaltung in Österreich und Wien war eine Polizei-Verwaltung. Es sollte jeder Lebensbereich – unter
anderem eben auch die Medizin, die Körper – von Ärzten und Repräsentanten des Staates verwaltet werden. In diesem System der späten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Hebammen immer mehr marginalisiert. Die Ärzte konnten durch das Training an Frauen immer mehr
an Kompetenz erlangen. Dieses Wissen und dieses System ist dann auch in Japan übernommen worden.
Hebammen-Schulen in Japan
Um den Beruf der Hebamme zu erlernen, mussten die Mädchen 18 Jahre alt sein und bereits die Grund- und Oberschule absolviert haben.
Zumindest in der ersten Generation wurden die Schülerinnen durch die Polizei rekrutiert und hatten nur eine vage Vorstellung von ihrem
späteren Beruf. Jedoch bot er jungen Frauen eine der wenigen Möglichkeiten, wirtschaftliche Selbstständigkeit zu erreichen.
Der Unterricht war schwer und die Hebammen-Schülerinnen lernten das erste halbe Jahr über nur Theoretisches. Sie lernten unter
anderem auch Anatomie, Physiologie und Deutsch als Fremdsprache. Auf Hygiene und Moral wurde ebenfalls Wert gelegt. Trotz des
ausführlichen Unterrichts waren die jungen Hebammen anfangs nicht wirklich auf ihren neuen Beruf vorbereitet.
Brigitte Steger:
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In der Ausbildung waren zehn Geburten inkludiert, die sie miterleben mussten und da gibt es schöne Geschichten. Eine Hebamme hat
erzählt, dass sie bei ihrer ersten Geburt, die sie dann tatsächlich live erlebt hat, in Ohnmacht gefallen ist. Sie hat gesagt,
dass die komplett erstaunt war, dass das Baby da tatsächlich rauskommt. Sie sagte: " Obwohl ich schon ein Jahr in der Hebammen-Schule
gewesen bin und auch gelernt habe, wie das funktioniert, habe ich überhaupt nicht gewusst, wo das Baby herauskommt."
Außerdem schlug den Hebammen aus der Bevölkerung Misstrauen entgegen, da sie während der Ausbildung nichts über die japanischen
Bräuche lernten und ihre Geburtshilfe oft dem widersprach, was die Frauen gewohnt waren. Erst nach und nach konnten sich die
Hebammen durch ihr wachsendes Wissen den Respekt der Bevölkerung erwerben.
Weiterführende Literatur
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