Zur Geburt des Kinos


Innerhalb der Filmgeschichtsschreibung wird die technische Seite des Kinos, die mit der Entwicklung des Cinematographen im Jahr 1895 schließlich zur "Geburt des Kinos" führte, stark betont. Diese Zugangsweise verstellt jedoch sehr leicht den Blick auf die kulturelle Praxis, die dem Kino zugrunde liegt.

Roland Domenig:
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Es gibt verschiedene Arten, sich dem Kino zu nähern. Wenn man sich dem Kino in einer historischen Perspektive nähert, dann gibt es die Möglichkeit, sich auf technische Fragen zu spezialisieren bzw. sich mit technischen Fragen zu beschäftigen. Man kann das Kino aber auch auf eine anderer Weise sehen, nämlich als Aufführungsereignis. Und wenn man sich das Aufführungsereignis Kino anschaut, sieht man, dass es auch vor dem Apparat sowohl einen Diskurs über das Kino gegeben hat, als auch Aufführungspraktiken, die sehr ähnlich waren.

Sowohl in Tokyo als auch in Wien ist eine Entwicklung des frühen Films aus anderen Einrichtungen populärer Unterhaltung, vor allem dem Varieté und den Jahrmärkten, deutlich erkennbar. So fanden die ersten Filmaufführungen in beiden Städten in der Regel als Teil eines Unterhaltungsprogramms mit Gesangs- und Tanzdarbietungen, Burlesken, Akrobatik- und Tierattraktionen statt.

Inhalt der ersten Filmvorführungen waren meist Wiederholungen oder Erweiterungen bereits vorhandener Unterhaltungskünste, mit dem Unterschied, dass statt statischer nun bewegte Bilder gezeigt, Theaterszenen projiziert statt szenisch dargestellt, und Kleinkunst-Nummern beliebig oft wiederholt werden konnten. In Wien entwickelte sich der Prater, in Tokyo das Asakusa-Vergnügungsviertel zu einem beliebten Zentrum populärer Unterhaltung.



Imperial Japanese Dance
Produziert von William Kennedy-Laurie Dickson für Thomas A. Edison, Inc.
Gefilmt von William Heise im Oktober/November 1894 in Edisons Black Maria Studio.
Dauer: 28 Sekunden mit 24 Bildern/Sekunde


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Benshi, der Kinoerzähler


Ein wesentlicher Unterschied in der Entwicklung des Films in Tokyo im Vergleich zu Wien liegt in der mächtigen Rolle des benshi, es Kinoerzählers. Japan ist geprägt durch eine lange Erzählertradition, was sich auch im frühen Film wiederspiegelt. Nicht der Film, vielmehr der Kinoerzähler stand im Mittelpunkt des frühen Aufführungsereignisses Film.



Schematische Zeichnung einer Kinovorführung. Der benshi steht in der Mitte und
erzählt, was geschieht. Der Bildschirm ist nur zur Illustration seiner Geschichte da.


Von der oralen Kunst der frühen benshi ist in der Gegenwart wenig erhalten, aber einen Eindruck davon kann man sich anhand der wenigen heutigen benshi verschaffen.

Susanne Schermann:
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Ich kenne eine Frau, die als benshi arbeitet und sich sehr an den Film anpasst. Bei Slapstickkomödien redet sie ununterbrochen [...]. Sie gibt den ganzen Rhythmus des Filmes in ihrer Sprache wieder, bei stilleren Szenen und in Melodramen hält sie aber auch einmal den Mund. Im allgemeinen lesen die benshi immer die Zwischentitel, die ja nicht für alle lesbar waren. Neben dieser wichtigen Aufgabe brachten sie wohl auch lautliche Effekte, z. B. Knalleffekte. Es gab sehr gute Erzähler, sehr schlechte Erzähler, es gab auch Leute, die den selben Film mit verschiedenen benshi ansahen, weil das wieder etwas ganz anderes war. Als der Tonfilm aufkam, wurden die benshi mehr oder weniger arbeitslos. Da gab es welche, die gegen den Tonfilm kämpften, indem sie den Ton abdrehten und so taten, als wäre es ein Stummfilm, und weiter erzählten.

Dem benshi wird üblicherweise vorgeworfen, er habe die Entwicklung des Tonfilms behindert. Eine Sichtweise, der Susanne Schermann die Hypothese entgegenhält, dass der Kinoerzähler vom Publikum gebraucht worden sei. Denn die Menschen der Meiji-Zeit, die an das enorme Tempo der neuen Zeit selbst noch nicht gewöhnt waren, wären sonst von der Geschwindigkeit des Films und der Gleichzeitigkeit von Handlungen überfordert gewesen und hätten möglicherweise nicht begriffen, was auf der Leinwand vor sich ging.

Die einflussreiche Position des benshi wirkte sich auch auf die Rezeption des Tonfilms in Japan aus.

Roland Domenig:
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Der benshi hat eine Verzögerung der Einführung von verschiedenen [filmischen] Erzähltechniken bewirkt. Es war für den japanischen Film nicht in dem Maße notwendig, eine selbsttragende Erzähltechnik zu entwickeln, weil diese der Kinoerzähler übernommen hat. Im Westen ist man sehr früh davon abgegangen, weil man alle außerfilmischen Elemente ausschließen wollte. Der Film sollte sich selbst erzählen. Dahinter steckte natürlich auch ein gewisses wirtschaftliches Kalkül. Ein Film, der sich selbst erzählt, lässt sich in ganz unterschiedliche Kulturkreise oder Sprachkreise verkaufen, während der Kinoerzähler immer sehr lokal gebunden ist, auch an die Sprache.

Der japanische benshi konnte seine Stimme nicht nur in den verschiedensten Variationen modulieren, sondern er erklärte den Zusehern auch, wie der Vorführapparat funktionierte. Er war verantwortlich für alles, und so war es auch der benshi, dem die Schuld gegeben wurde, falls der Projektor einmal nicht funktionierte.


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