Das japanische Kino der 60er und frühen 70er Jahre erlebt seit einiger Zeit sowohl in Japan als auch international eine Renaissance. Regisseuren wie Suzuki Seijun, Fukasaku Kinji, Masumura Yasuzô oder Kumashiro Tatsumi gewidmete Retrospektiven und Werkschauen halfen, den Blick auf das japanische Kino in den letzten Jahren zu erweitern und die Lücke zwischen den bekannten Klassikern des so genannten Goldenen Zeitalters der 50er Jahre und dem japanischen Kino der Gegenwart zu füllen. Dieses Anliegen stand auch hinter der gemeinsam von der Viennale und dem Österreichischen Filmmuseum durchgeführten Retrospektive mit Filmen der Art Theatre Guild (ATG), die zwischen Mitte der 60er und Mitte der 80er Jahre das Zentrum des japanischen Autorenfilms war und maßgeblich die bis heute anhaltende Entwicklung des unabhängigen japanischen Kinos prägte.
Anlässlich der Retrospektive veranstaltete der Akademische Arbeitskreis Japan (AAJ) am 20. und 21. Oktober 2003 das international prominent besetzte Symposium "Against The Grain. Changes in Japanese Cinema of the 1960s and early 1970s", bei dem Experten aus Europa, Japan und den USA die sich auf unterschiedlichen Ebenen vollziehenden Veränderungen innerhalb des japanischen Kinos erörterten und den politischen und künstlerischen Kontext der Filme der Retrospektive ausleuchteten.
Zu Beginn gab Roland Domenig (Universität Wien), der auch für die Kuratierung der Retrospektive verantwortlich zeichnete, einen Überblick über die Entwicklung des unabhängigen Kinos in Japan und zeigte, dass die verschiedenen Strömungen in den 60er Jahren alle bei ATG zusammenflossen, die zum wegweisenden Vorbild für das unabhängige Kino der Gegenwart wurde. Mark Nornes (University of Michigan) beschäftigte sich mit der Synthese von dokumentarischen und fiktionalen Ansätzen und verglich japanische mit amerikanischen Filmen. Hirasawa Gô (Tôkyô) stellte das japanische Untergrundkino vor, das Alternativen zum narrativen Spiel- und zum klassischen Dokumentarfilm erprobte.
Den zweiten Tag eröffnete Max Tessier (Paris) mit einer Untersuchung der Regisseure der so genannten japanischen Nouvelle Vague, die eine Neudefinition des Regisseurs als Filmemacher und Auteur durchsetzten. Roberta Novielli (Universität Venedig) setzte sich mit dem heute selbstverständlich gewordenen Crossover von Kino und anderen Formen von Unterhaltung/Medien wie Manga, bildende Kunst, Theater und Literatur auseinander. Yomota Inuhiko (Meiji Gakuin Universität) schließlich gab einen sehr persönlichen Rückblick auf die Zeit um 1970 und ging dem Einfluss von Mishima Yukio und dessen spektakulärem Selbstmord auf den intellektuellen Diskurs nach.
Als weitere Gäste nahmen der Regisseur Wakamatsu Kôji sowie der Produzent und Manager des legendären Shinjuku-Bunka-Kinos, Kuzui Kinshirô, am Symposium teil. Der ebenfalls eingeladene Regisseur Kuroki Kazuo musste aufgrund einer plötzlichen Erkrankung seine Teilnahme leider in letzter Sekunde absagen. Wakamatsu und Kuzui nahmen nach den im Rahmen des Symposiums gezeigten Filmen von Wakamatsu Kôji, Kuroki Kazuo, Ôshima Nagisa und Shinoda Masahiro an Diskussionen teil, in denen sie persönliche Erinnerungen und Anekdoten zum Besten gaben, die das damalige Zeitgefühl auf sehr unmittelbare Weise erfahrbar machten und die Zeit vor über 30 Jahren wieder auferstehen ließen.
Das Symposium bot die in Europa seltene Gelegenheit, Fachexperten aus drei Kontinenten sowie Filmschaffende aus Japan zu einem Dialog zusammenzubringen, von dem zu wünschen ist, dass er auch in Zukunft weitergeführt wird.
| Montag, 20. Oktober 2003 | |
|---|---|
| 14:45 | Begrüßung |
| 15:00 | Roland DOMENIG (Universität Wien) |
| "Vortexes and counter currents. The advent of independent film productions" | |
| 16:00 | Mark NORNES (University of Michigan) |
| "Documentary codes in fiction cinema in times of political stress and artistic experimentation" | |
| 17:00 | HIRASAWA Gô (Filmwissenschaftler, Tôkyô) |
| "Underground filmmakers and their struggle 1958-1976" | |
| 18:00 | Überraschungsfilm |
| danach Pause | |
| 19:00 | Filmvorführung: Tenshi no kôkotsu (Ecstasy of the Angels, 1972) |
| Regie: Wakamatsu Kôji | |
| danach Diskussion mit dem Regisseur und dem Produzenten Kuzui Kinshirô | |
| 21:00 | Filmvorführung: Tôkyô sensô sengo hiwa (The Man Who Left His Will On Film, 1970) |
| danach Diskussion mit Hirasawa Gô | |
| Dienstag, 21. Oktober 2003 | |
| 15:00 | Max TESSIER (Filmkritiker, Paris) |
| "The Power of the Imaginary in the New Wave films of the 60s and early 70s" | |
| 16:00 | Roberta Maria NOVIELLI (Universität Venedig) |
| "First traces of media contamination in Japanese Cinema of the 1960s" | |
| 17:00 | YOMOTO Inuhiko (Meiji Gakuin Universität, Tôkyô) |
| "Cultural milieu on film and the city of Shinjuku" | |
| 18:00 | Break |
| 19:00 | Filmvorführung: Ryôma Ansatsu (The Assassination of Ryôma, 1974) |
| Regie: Kuroki Kazuo | |
| danach Diskussion mit dem Produzenten Kuzui Kinshirô | |
| 21:00 | Filmvorführung: Shinjû Ten no Amijima (Double Suicide, 1969) |
| Regie: Shinoda Masahiro | |
| danach Diskussion mit dem Produzenten Kuzui Kinshirô | |
Das Symposium fand im Rahmen der von VIENNALE und Österreichischem Filmmuseum veranstalteten Retrospektive "ART THEATRE GUILD - JAPANESE INDEPENDENT CINEMA 1962-1984" (4.-30. Oktober 2003) statt.
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